Lyconet/myWorld Norwegen – Wenn ein Verbot nicht reicht
Illegales System, legale Untätigkeit durch Behörden
Norwegen gilt als Rechtsstaat mit klaren Regeln. Pyramidensysteme sind verboten, Verbraucherschutz und Wirtschaftsaufsicht institutionell verankert. Und doch zeigt der Fall Lyconet, wie wirkungslos selbst eindeutige behördliche Feststellungen bleiben können, wenn Zuständigkeiten verschoben, Verfahren eingestellt und Verantwortung weitergereicht wird.
Bereits 2018 kam die norwegische Lotterieaufsichtsbehörde nach zweijähriger Prüfung zu einem klaren Ergebnis: Lyconet sowie die verbundenen Unternehmen Lyoness und myWorld erfüllen die Kriterien eines illegalen Pyramidensystems. Die Behörde ordnete die sofortige Einstellung aller Aktivitäten in Norwegen an.
Die Zahlen sind dokumentiert: Rund 175.000 Norweger investierten nach behördlichen Angaben mehr als 500 Millionen Kronen, ohne dafür reale Produkte von eigenständigem wirtschaftlichem Wert zu erhalten.
Und dennoch: Das System verschwand nicht.
„Nichts verkaufen, an allem verdienen“
In einem Konferenzraum eines Hotels in Oslo erklärt Arnt Grønbech vor einer kleinen Gruppe Interessierter das Geschäftsmodell. Ziel sei es, Freunde und Familie zu werben. Der eigene Einsatz werde sich lohnen.
Nach Darstellung von TV 2 sagt Grønbech:
„Es gibt kein besseres Einkommen, als nichts zu verkaufen und an allem zu verdienen.“
Solche Aussagen sind rechtlich hochproblematisch. Nach norwegischem Recht sind Pyramidensysteme gerade dadurch gekennzeichnet, dass Einkünfte überwiegend aus der Anwerbung neuer Teilnehmer stammen – nicht aus dem Verkauf realer Produkte oder Dienstleistungen an externe Kunden.
Grønbech ließ Anfragen von TV 2 zu diesen Vorwürfen unbeantwortet.
Festgestellt – aber folgenlos
Die Lotterieaufsichtsbehörde entschied 2018, den Fall an die Polizei weiterzuleiten. Das Verfahren wurde später aus Ressourcengründen eingestellt. Eine inhaltliche Entlastung des Geschäftsmodells war damit ausdrücklich nicht verbunden.
Dieser Umstand wird jedoch bis heute von führenden Lyconet-Vermarktern als Argument genutzt, um das System als rechtmäßig darzustellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Terje Duesund, der über Jahre hinweg zu den bekanntesten Gesichtern von Lyconet in Norwegen zählte.
Duesund erklärt, die Einstellung des Verfahrens sei für ihn ein Beleg dafür gewesen, dass Lyconet nicht gegen norwegisches Recht verstoße. Juristisch ist diese Schlussfolgerung nicht haltbar: Die Einstellung eines Verfahrens mangels Ressourcen stellt keine rechtliche Entlastung dar.
Zuständigkeit im Kreisverkehr
Heute liegt die Aufsicht über solche Geschäftsmodelle bei der Verbraucherschutzbehörde, nicht mehr bei der Lotterieaufsicht. Die stellvertretende Direktorin Marit Evensen erklärte gegenüber TV 2, der alte Fall könne nicht einfach übernommen werden. Er müsse neu bewertet werden – ein Verfahren, das erhebliche Ressourcen binde. Zudem hätten Pyramidenspiele keine Priorität.
Das zuständige Ministerium für Kinder und Familie widerspricht: Man erwarte, dass die Behörde ihr fachliches Ermessen eigenständig ausübe. Økokrim wiederum erklärt, Pyramidenspiele seien ebenfalls keine Priorität, man setze auf Prävention.
Ein nordischer Polizeibericht aus 2024, an dem Økokrim beteiligt war, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass Präventionsarbeit bei solchen Systemen „wenig bis gar keine Wirkung“ zeigt.
Das Ergebnis: Alle verweisen aufeinander. Konsequentes Einschreiten bleibt aus.
Umbenennen statt aufarbeiten
Nach der Insolvenz von Lyconet im Jahr 2025 wurden Mitglieder nach übereinstimmenden Medienberichten aufgefordert, ihre Aktivitäten in neu benannten Strukturen fortzusetzen – zuletzt unter dem Namen TLN.
Juristisch handelt es sich um unterschiedliche Gesellschaften. Kritiker sehen darin jedoch ein wiederkehrendes Muster: Umbenennung statt Aufarbeitung, neue Marken statt Konsequenzen. Dieses Vorgehen erschwert sowohl strafrechtliche Verfolgung als auch zivilrechtliche Durchsetzung erheblich.
Opfer ohne Zugang zu Informationen
In der aktuellen Staffel von „Norge bak fasaden“ berichten mehrere Betroffene über erhebliche Verluste. Ein Teilnehmer verlor einen Großteil des Erbes seines verstorbenen Vaters. Viele schildern, dass sie keinen Einblick in Finanzströme, Mittelverwendung oder tatsächliche Geschäftstätigkeit hatten.
Auf die Frage, wie er damit umgehe, dass sich Menschen getäuscht fühlen, erklärt Duesund, ein Betrug könne nur vorliegen, wenn das Unternehmen selbst falsche Informationen gegeben oder Gelder missbraucht habe. Ob dies der Fall gewesen sei, könne er nicht beurteilen – er habe keinen Einblick gehabt.
Diese Aussage verweist auf ein zentrales strukturelles Problem: Intransparenz ist kein Nebeneffekt, sondern systemisch.
Fazit: Gesetze ohne Durchsetzung
Der Fall Lyconet zeigt weniger ein Versagen einzelner Personen als ein strukturelles Problem staatlicher Aufsicht. Gesetze existieren, Feststellungen liegen vor, Schäden sind dokumentiert. Und dennoch konnte das System über Jahre fortbestehen – unter wechselnden Namen, mit denselben Mechanismen.
Diese Einschätzung stellt eine journalistische Bewertung dar. Sie beruht auf behördlichen Entscheidungen, öffentlichen Stellungnahmen, Medienrecherchen und dokumentierten Erfahrungen Betroffener.
Solange Zuständigkeiten wichtiger sind als Konsequenzen, bleibt für viele Geschädigte eine bittere Realität:
Hinter der Fassade sind sie auf sich allein gestellt.
Hinweis:
Dieser Beitrag stellt eine journalistische Analyse dar. Er unterscheidet zwischen behördlichen Feststellungen, dokumentierten Aussagen Dritter und wertenden Einschätzungen der Redaktion. Strafrechtliche Bewertungen sind damit nicht verbunden. Gegendarstellungen werden gemäß den geltenden medienrechtlichen Bestimmungen berücksichtigt. Art. 5 GG / Art. 10 EMRK.













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